Montag, 27. Juni 2011

Zeitfenster, Stop in Le Castello

Es gibt ja den Begriff "Zeitfenster", von Jimmy Cornell, dem Begründer der ARC, als Unwort abgetan und gehasst. Ich denke dennoch oft darüber nach, dass es sowohl beim Segeln, wie auch im Leben ein Zeitfenster gibt, das uns den Rahmen gibt, in dem eine Überfahrt leichter gelingt oder möglichderweise unter großen Entbehrungen. Über das Zeitfenster von Wetterbedingungen will ich nicht schreiben, wir "leiden" gerade unter immer wieder im UKW-Funk angesagten  "gale-warning", also in kurzer Zeit aufziehenden Starkwinden (natürlich immer aus der falschen Richtung) und dann wieder Flauten, die zum Motoren zwingen. Nach Korfu könnten wir prima herüber segeln, aber dafür reicht unser persönliches Zeitfenster nicht mehr, zu viel Zeit haben wir verloren für Reparaturen.
Was in den letzten Gesprächen mit unserer 10 bis 20 Jahre älteren Crew herau zu hören war, ist das Vorhandensein eines Zeitfensters im Leben, das für Segler ziemlich klein und begrenzt sein kann. In jungen Jahren hat man kein Fenster für ausgedehnte Langfahrt, es sei denn, Familie und Existenzaufbau stehen auf der Liste der Lebenswünsche ganz hinten. Wenn das aber nicht so ist, sondern evtl. an vorderster Stelle steht, dann haben wir vielleicht zwei Drittel der Lebenszeit damit zu tun gehabt, alle Voraussetzungen zu schaffen für Partnerschaft, Nestbau, Kinder, Ausbildung, Abzahlung, Altersvorsorge etc. Mit fast 50 ist man dann eigentlich im Zenit seiner besten Jahre angekommen, schaut zurück, auch auf die Spuren, die man beim Aufstieg hinterlassen hat, aber auch auf die Spuren, die das Leben am eigenen Körper hinterlassen hat. Ich trainiere z.Zt wieder, schwimme dem Boot hinterher oder ausgedehnt vom Ufer aus, aber der Körper ist natürlich nicht mehr wie früher. Und meine beiden älteren Herren haben natürlich diese Tatache immer wieder zum Thema und meinen, ich würde davor fliehen, einzusehen, dass man nicht einfach los segeln kann, als wäre man noch ein uneingeschränkt leistungsfähiger Mensch, der sich um die Zukunft keine Sorge machen braucht. Ich würde vor den Problemen weglaufen, wenn ich die Augen davor verschließe, dass es tausend Dinge im Kopf gibt, die zu regeln sind, dass ich sicher nur kurze, begrenzte Zeit auf Reise gehen würde, und dann feststellen werde, dass es doch nicht mehr so gut klappt, Krankheiten, Sorgen ums Älterwerden, fehlendes Kapital etc.. Es wäre doch fatal sich deshalb "vorsorglich" nicht mehr auf den Weg zu machen. Aber ich begreife, dass es wohl nur eine begrenzte Zeit gibt, in der man sich einen längeren Aufbruch leisten kann, also auch körperlich und mental stark genug dafür ist, nicht nur finanziell. Der Vergleich hinkt, aber so wie für Frauen eine innere Uhr tickt, bis in welches Alter sie Kinder bekommen möchten, so sind Männer auch begrenzt in ihrer Stärke, die immer wieder an Bord gefordert wird, wenn es brenzlige Situationen gibt, wo jede selbstbewusste Frau sagt, das ist "Männersache" Wir sind hier an Bord trotz elektrischer Winschen und vieler Helferlein alle überrascht, wenn man sich mal nur für ein kleines Erholungs-Nickerchen um 13 Uhr aufs Ohr hauen wollte, und plötzlich ist es 18 Uhr geworden, und um 23 Uhr kann man schon wieder schlafen. Es wird einiges gefordert und der Körper holt sich unmissverständlich, was er braucht. Neben den körperlichen Grenzen ist da auch die Angst vor Situationen, die man nicht allein in der Hand hat, die man vielleicht nur meistern kann, wenn alle mit anpacken, egal was man im normalen Leben war, man ist beim Segeln auf sein körperliches Vermögen ebenso angewiesen, wie auf Teamfähigkeit. Natürlich kann man auch ohne Crew, allein auf sich selbst gestellt losfahren, aber gerade dann muss man in jeder Hinsicht im Vollbesitz seiner Kräfte und psychischen Robustheit sein. Ich komme zu dem Entschluss, dass die ideale Crew mit dem liebsten Menschen aus zwei Personen besteht, die sich absolut aufeinander verlassen können, wie schon in (langen) Beziehungsleben zuvor. Beide müssen natürlich in der Lage sein, das Schiff zu fahren und wissen, wie die wichtigsten Dinge bedient werden. Wenn dann doch noch gute Freunde dabei sind, verlangt das von allen sehr viel Toleranz in Situationen, die man normalerweise auch unter Freunden vorher noch nie erlebt hat miteinander. Ich zweifle immer mehr, ob man  "zahlende Gäste" mitnehmen sollte auf unserem Törn nächstes Jahr und damit wieder in die Rolle des Dienstleisters gerät. Es hat alles seinen Preis.

So, nun nähern wir uns Le Castello (38° 54.533 N, 17° 1.503 E) einem ganz kleinen Fischerhafen, weil wieder gale warning angesagt wurde und ein sehr strammer Wind nicht gerade eine gute Voraussetzung ist, um gut durch den Golf zu kommen. Das ist auch gut so, man kann auch zu viel nachdenken.

Wir liegen im Päckchen längsseits an einem Fischerboot, das morgen um 4 Uhr ausläuft. Da wir viel vorhaben, passt das auch in unseren Plan. Deshalb gehe ich jetzt in die Koje, "vorschlafen", was natürlich nicht geht...


Ein nettes Ehepaar über 70 aus Berlin habe ich noch getroffen, seit 6 Jahren zu zweit unterwegs auf dem Schiff. Sie waren lange in Kroatien, bis es ihnen zu teuer wurde. Dann in der Türkei, nördlich von Bodrum noch erschwinglich, ursprünglich, freundlich und gepflegt. Sie fahren jetzt noch mal nach Griechenland, wo sie besonders die Sporaden lieben und zum Überwintern gern nach Leros fahren. So wir ihre Augen leuchteten, muss man da wohl auch noch mal hin.... aber nun sind wir erst mal im tiefen Süden Italiens, so wie man es nicht kennt. Das soll Italien sein? Nein, Kalabrien,
Die beiden Berliner waren ein Beispiel dafür , das man trotz Enkelchen und hohem Alter doch sehr glücklich sein kann, zumindest, wenn man im dann auch gelegentlich mal wieder das Schiff zurück lässt und "nach Hause" fliegt, dort wo die Kinder und Freunde sind. So unterschiedlich können die individuellen Zeitfenster sein. Gut so.

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